Du übernimmst eine Jugendmannschaft, hast keinen Torwarttrainer im Verein, und irgendein Kind steht am Dienstag im Tor und macht dort mehr oder weniger, was es will. Für die Feldspieler hast du Übungen, für den Keeper nicht. Genau das ist im Amateur- und Breitenfußball der Normalfall, und es ist lösbar, ohne dass du selbst je im Tor gestanden hast.
Dieser Artikel gibt dir drei Dinge: eine Übersicht, welche Torwart-Technik in welchem Alter überhaupt drankommt, konkrete Wege, den Keeper in dein normales Mannschaftstraining einzubauen, und eine fertige 50-Minuten-Einheit für die E- und D-Jugend, die du als PDF mitnehmen kannst. Alles stützt sich auf Jugend-Ausbildungspläne aus England, Kanada, den USA und von der FIFA, nicht auf Bauchgefühl.
Warum der Torwart im Amateurtraining oft untergeht
Der Grund, warum der Torwart hängen bleibt, ist selten böser Wille. Es ist Zeit. Du planst eine Einheit für zwölf Feldspieler, und der eine im Tor läuft nebenher mit. Wenn er drankommt, dann als Schießbude beim Torschuss. Fangen, Fallen, Flanken, Herausspielen: alles Fehlanzeige.
Das Problem daran zeigt sich, sobald man anschaut, was ein Torwart im Spiel wirklich tut. Bei Spitzentorhütern in großen Turnieren entfallen rund 62 Prozent aller Torwartaktionen auf die Offensive, also auf das Mitspielen, und nur 38 Prozent auf die Defensive. Der mit Abstand häufigste Einzelbaustein ist das Positionieren im Spielaufbau, gefolgt vom Verhindern von Gegentoren. Der Torwart hält also öfter das Spiel am Laufen, als dass er hält.
Bei Kindern ist das Verhältnis anders, aber die Richtung stimmt: Ein Keeper, der nie mit dem Ball am Fuß gefordert wird, lernt genau die Fähigkeit nicht, die ihn später am stärksten vom Durchschnitt abhebt. Und die gute Nachricht für dich als Trainer ohne Spezialkraft ist: Fußarbeit, Reaktionen und 1-gegen-1 entstehen fast von selbst, wenn der Keeper im Mannschaftstraining richtig eingebunden ist.
Torwart-Training nach Alter: von Bambini bis A-Jugend
Eine Vorbemerkung zur Ehrlichkeit: Die Ausbildungspläne, auf denen diese Übersicht beruht, benutzen eigene Altersbänder (die FIFA etwa "Fußballschule 6 bis 10", kanadische und US-Pläne beginnen erst bei U11). Die Zuordnung zu Bambini, F, E, D, C und B ist meine Übertragung ins deutsche System, nicht die Bezeichnung der Quelle. Als grobe Landkarte taugt sie trotzdem.
Der rote Faden über alle Stufen: Zuerst kommt das sichere Fangen, dann das sanfte Fallen, dann das kraftvolle Hechten. Hohe Bälle und aktiver Spielaufbau starten erst, wenn die Kinder aufs Großfeld wechseln. Und die Position wird lange ausprobiert, nicht festgeschrieben.
| Stufe (≈) | Fangen | Fallen und Hechten | Hohe Bälle und Flanken | Fuß und Aufbau |
|---|---|---|---|---|
| Bambini / F (U6 bis U9) | Ball fangen und zum Körper sichern, spielerisch | höchstens rollen und kullern, aus Spielen heraus | noch nicht | mit dem Ball am Fuß spielen, Position ausprobieren |
| E-Jugend (U10 bis U11) | im Griffbereich, alles fangen statt abwehren | sanftes Fallen: seitlich abkippen, flacher Ball, im 1-gegen-1 | nur angeworfene Bälle ohne Gegner, fürs Absprung-Timing | Abwurf und Abschlag mit beiden Füßen |
| D-Jugend (U12 bis U13) | auch Bälle über Kopfhöhe | kraftvolles Hechten mit Absprung; Fausten einführen | getretene Flanken, auch mit Gegnerdruck | Rückpass sicher annehmen, erste Spieleröffnung |
| C-Jugend (U14 bis U15) | verfeinern, Reaktion auf unkonventionelle Bälle | Flanken im Zweikampf und mit Kollision | aktiv, weiter vom Tor weg | Winkel verkürzen, aktiver Aufbau |
| ab B-Jugend (U16+) | unter Tempo und Druck sicher | alles automatisiert, gegen Gegnerdruck | Strafraum beherrschen | Abwehr dirigieren, Spiel managen |
Zwei Punkte lösen in der Praxis die meisten Missverständnisse auf. Erstens: Es gibt kein Alter, ab dem Hechten "verboten" ist. Sanftes Fallen aus dem Knien gehört schon in die E-Jugend, das kraftvolle Hechten mit Absprung erst in die D-Jugend, wenn Kraft und Körpergefühl da sind. Zweitens: Krafttraining mit Zusatzgewicht ist bis dahin kein Thema, es startet in den Ausbildungsplänen erst ab der C-Jugend. Bis dahin reichen Körpergewicht, Sprungkraft- und Explosivübungen und Koordination.
So bindest du den Keeper ins Mannschaftstraining ein
Die wichtigste Regel ist zugleich die einfachste: Plane den Torwart mit. Vergiss ihn nicht, wenn du die Einheit aufschreibst. Seine Rolle entwickelt sich ohnehin am besten im Zusammenhang mit der Mannschaft, nicht in isolierten Sonderübungen.
Wenn du genauer hinschaust, liefert dein reguläres Training die Torwartreize fast automatisch:
- Torschuss-Training bringt Paraden. Aus deinem Torschuss-Training mit den Kindern wird für den Keeper eine Fang- und Abwehreinheit, wenn du ihn nicht als lebendes Ziel behandelst, sondern ihm Coaching-Punkte gibst (Grundstellung, fangen statt klatschen, Ball sichern).
- Kleine Spiele (4 gegen 4, 5 gegen 5) bringen Reflexe und 1-gegen-1 aus kurzer Distanz.
- Ballbesitz- und Aufbauformen bringen die Fußarbeit, die im Spiel den Unterschied macht. Lass den Keeper als Anspielstation mitspielen.
Ergänzt wird das durch einen kurzen, gezielten Block. Die Faustregel: Nimm das, woran das Team an diesem Tag arbeitet, und bereite den Keeper zehn Minuten vorher darauf vor. Trainiert die Mannschaft Flanken, übt der Torwart vorher das Herauslaufen und Fangen hoher Bälle. Kommt danach 1-gegen-1 mit den Stürmern, arbeitest du im Vorblock nicht an hohen Bällen, sondern am Verkürzen des Winkels.
Ganz ersetzt der Block das isolierte Spezialtraining aber nicht, und das solltest du wissen: Reine Team-Übungen liefern weniger von den kurzen, torwarttypischen Antritten und Abbremsbewegungen als ein positionsspezifischer Block. Die ehrliche Botschaft lautet deshalb nicht "Spezialtraining ist überflüssig", sondern: Die Einbindung ins Team ist der Kern, ein kurzer Spezialblock ist die sinnvolle Ergänzung.
Diese Mischung trägt aus einem einfachen Grund. Torwarttrainer verbringen oft 50 bis 70 Prozent ihrer Zeit mit vorhersehbarem, isoliertem Techniktraining, obwohl sie selbst die Entscheidungsfindung als wichtigste Fähigkeit eines Top-Keepers nennen. Genau diese Entscheidungen lassen sich nicht am ruhenden Ball drillen. Sie entstehen dort, wo der Keeper wahrnehmen, entscheiden und handeln muss: in Spielformen und echten Spielsituationen. Das Mannschaftstraining liefert sie frei Haus.
Eine fertige Torwart-Einheit für E- und D-Jugend
Diese Einheit funktioniert mit einem Ball pro Paar, ein paar Hütchen und einem Tor. Zwei bis vier Feldspieler helfen als Anspieler und Schützen, den Rest der Mannschaft kannst du parallel an einer Station arbeiten lassen. Die letzten beiden Blöcke laufen ohnehin mit dem ganzen Team.
1. Warme Hände: W-Griff mit Bodenaufsetzer (5 Min). Der Keeper prellt den Ball vor sich auf den Boden und fängt ihn beim Hochspringen im W-Griff: Daumen fast berührend, nicht überlappend, Hände etwa ballbreit auseinander, Ellbogen leicht gebeugt als Stoßdämpfer. Coaching: Ball an den Händen kleben lassen und sofort zur Brust sichern.
W-Griff mit Bodenaufsetzer
Ball vor sich aufsetzen lassen und im Hochspringen im W-Griff fangen, Daumen fast berührend, nicht überlappend.
2. Flachball-Aufnahme in Paaren (8 Min). Zwei Kinder rollen sich aus fünf bis acht Metern den Ball zu. Der Fänger bewegt die Füße hinter den Ball, geht mit offenen Handflächen und nach unten zeigenden Fingern runter und schließt die Beine als zweite Absicherung. Coaching: Körper hinter den Ball, nicht danebengreifen.
Flachball-Aufnahme in Paaren
Aus fünf bis acht Metern zurollen. Körper hinter den Ball, Beine schließen als zweite Absicherung.
3. Sanftes Fallen aus dem Knien (8 Min). Die Paare knien aufrecht fünf bis acht Meter auseinander. A rollt den Ball seitlich neben B, B fällt zur Seite, streckt die Hände zum Ball und landet in der Reihenfolge Knie, Hüfte, Schulter. Danach so schnell wie möglich wieder auf die Füße. Coaching: niemals mit dem Ellbogen abfangen, Ball vor dem Kopf halten. Steigerung: aus dem Stand.
Sanftes Fallen aus dem Knien
Ball seitlich neben den knienden Torwart rollen, er kippt zur Seite auf den Ball und kommt schnell wieder auf die Füße.
4. Turn and Receive (7 Min). Drei Hütchen in einer Reihe, sechs Meter Abstand, zwei Anspieler außen, der Keeper in der Mitte. Anspieler A wirft, der Keeper fängt, gibt zurück und dreht sofort zu Anspieler B. Acht bis zwölf Wiederholungen, dann wechseln. Schult Fangen unter Zeitdruck und schnelle Neuausrichtung.
Turn and Receive
Von Anspieler A fangen, zurückgeben, sofort zum zweiten Anspieler B drehen.
5. 1-gegen-1 durch die Gates (10 Min). Der Keeper verteidigt sein Tor und zwei Gate-Tore direkt daneben. Ein Angreifer startet aus der Mitte, dribbelt an und versucht durch eines der Gate-Tore zu kommen. Der Keeper kommt heraus, verkürzt den Winkel, bleibt lange auf den Füßen und klaut mit zwei festen Händen, nicht mit dem Fuß. Coaching: Anlauftempo steuern, nicht zu früh hinwerfen. Hier spielen Feldspieler als Angreifer mit.
1-gegen-1 durch die Gates
Zwei Gate-Tore stehen neben dem Haupttor. Den Angreifer nach außen drängen, herauskommen und den Winkel verkürzen.
6. Abschlussspiel mit Keeper-Bonus (12 Min). 5 gegen 5 bis 8 gegen 8 mit dem Keeper mittendrin. Vergib Extrapunkte für einen Torschuss aus der eigenen Hälfte, damit die Keeper gefordert sind, und lass ihn den Aufbau mit dem Fuß eröffnen. Genau hier trainiert er das, was im Spiel am häufigsten vorkommt: mitspielen und entscheiden.
Abschlussspiel mit Keeper-Bonus
Der Torwart spielt mit und eröffnet mit dem Fuß. Extrapunkt für einen Torschuss aus der eigenen Hälfte.
Diese sechs Blöcke bekommst du als druckbare Trainingskarte, die du am Trainingstag in die Tasche steckst.
Trainingskarte zum Download
Die 50-Minuten-Einheit als druckbare PDF: der Sechs-Block-Ablauf mit Zeiten, die wichtigsten Coaching-Punkte und die häufigsten Fehler auf einen Blick.
Torwart-Einheit E-/D-Jugend50-Minuten-Ablauf ohne TorwarttrainerPDF herunterladenDie häufigsten Fehler ohne Torwarttrainer
- Nur aufs Tor schießen lassen. Das ist der häufigste Fehler. Flanken, Fußarbeit und Entscheidungen fehlen dann komplett. Gerade Flanken gehören zu den schwierigsten Bällen überhaupt, weil der Torwart in Sekundenbruchteilen über Herauslaufen, Bleiben, Fangen oder Fausten entscheiden muss.
- Zu früh festlegen. Wer ein Kind mit zehn zum Vollzeit-Torwart macht, nimmt ihm Fußarbeit und Spielverständnis. Bis zur D-Jugend gehört der Keeper auch ins Feld.
- Hände nicht aufwärmen. Kalte, unvorbereitete Hände fangen schlechter und verletzen sich leichter. Zwei Minuten Fanggriff-Übungen vor dem ersten harten Schuss gehören zu jeder Einheit.
- Kraft vor Technik. Kraftvolles Hechten und schwere Sprünge vor der D-Jugend bringen wenig und frustrieren. Erst die saubere Bewegung, dann Tempo, dann Weite.
Dein nächstes Training
Du brauchst keinen Torwarttrainer, um deinen Keeper voranzubringen. Du brauchst drei Dinge: die richtige Technik zur richtigen Zeit, den Torwart bewusst in dein Mannschaftstraining eingeplant, und einen kurzen Spezialblock, der zum Team-Thema passt. Nimm für die nächste Einheit die 50-Minuten-Vorlage, wärme die Hände auf, und lass den Keeper im Abschlussspiel mit dem Fuß eröffnen.
Den stärksten Reiz liefern am Ende echte Spiele, in denen der Nachwuchs im Tor wieder und wieder entscheiden muss. Wer regelmäßig Spiele und kleine Turniere organisiert, gibt seinem Team genau diese Wiederholungen. Mein Turnier planenKostenlos und ohne Registrierung



